Freitag, 17. März 2017

Vom Erwachsensein

Das Gefühl von solider Unbesiegbarkeit hält jetzt schon seit über einer Woche an. Vielleicht gibt es das doch, dieses Dauergrinsen. Vielleicht liegt es aber auch ganz einfach daran, dass ich die große Freiheit bis in die Zehenspitzen fühlen kann.
Statt Anfang April wieder in den Flieger nach Deutschland zu steigen, bleibe ich hier.
Ich bin ein Glückspilz. :)
Manchmal eröffnen sich Möglichkeiten ganz aus dem Nichts. So zum Beispiel, als ich vor anderthalb Monaten gefragt worden bin, ob ich nicht einen Job suche. "Ja, irgendwie schon.", lautete zu dem Zeitpunkt meine Antwort. Tja, und jetzt, anderthalb Monate später, bin ich Junior Travel Advisor bei Airbnb, habe - mit Absicht - zwei unterschriebene Mietverträge und - aus Versehen - gleich zwei spanische Bankkonten, eine spanische Sozialversicherungsnummer und sehr viel mehr Selbstbewusstsein, was mein grottiges Spanisch selbst anbelangt, das mir auf allen Behördengängen meine einzige Stütze war.
Gar nicht schlecht soweit. Und jetzt alles im Einzelnen.

Junior Travel Advisor @ Airbnb ist die Bezeichnung für den Beruf, den ich ab Montag ausüben werde. Auf Englisch klingt alles ein bisschen schicker, dachte sich Airbnb wohl. Zu Deutsch lässt sich das dann wohl schlicht und ergreifend mit "Kundenservice" übersetzen. Zack. Illusionen geraubt.
Ganz hart ließe sich das so beschreiben, dass ich fünf Tage die Woche acht Stunden lang telefonierend und emails beantwortend in einem Großraumbüro sitzen werde. Praktischerweise ist Airbnb mir gegenüber bisher aber genauso cool aufgetreten, wie ihr Image es eben verlangt, sodass der langweilige Callcenter-Alltag nach "mit Freunden aus aller Welt chillen und dabei ein bisschen arbeiten" klingt.
Besagtes Großraumbüro ist in knallbunten Farben gestrichen. Wimpel mit Länderflaggen durchziehen den lichtdurchfluteten Raum, Poster mit Weltverbesserer-Sprüchen zieren die Wände und es riecht nach Kaffee. Fairtrade natürlich. Ist ja wichtig. Niemand ist älter als 35, Hemden tragen nur die Hipster und auf der Dachterrasse lässt es sich mittags bestens in den aufgespannten Hängematten runterkommen.
Am Montag beginnt die Einarbeitungsphase. Mein Vertrag ist vorerst auf drei Monate befristet. Zu sagen, ich sei sehr sehr gespannt, wäre untertrieben.

Von Vacarisses, wo ich zur Zeit lebe, dauert es etwa eine Stunde, bis ich in der Stadt bin. Das ist mir zu lang. Ich will raus hier. Und neben diesem Befreiungsdrang zieht am 31. März außerdem schon das nächste au pair Mädchen bei meiner Gastfamilie ein. Nach etlichem Hin und Her habe ich also eine Lösung für die kommenden dreieinhalb Monate gefunden:
Bis Ende April wohne ich zusammen mit einer Holländerin in einer wirklich hübschen Wohnung am Rande vom Viertel Poble Sec. Die Mieten in Barcelona sind traumatisch hoch und so geht beinahe die Hälfte meines Gehalts fürs Wohnen drauf. Ich hab mir viele günstigere Alternativen angeschaut und mich schlussendlich aber dazu durchgerungen, so viel zu zahlen, wie eben nötig ist, um ein schimmelfreies, Schuhkarton-großes Zimmer mit Fenster in einer hübschen, geruchsneutralen, zentralgelegenen Wohnung inklusive netter Mitbewohnerin zu bekommen. Ein Zimmer, das nicht nach Pumas als Vermietern riecht, in dem man nicht auf dem Gang ins Badezimmer angeflirtet wird und wo ich mich tatsächlich wohlfühlen kann. Gar nicht so einfach zu finden.
Auf dem Screenshot hier unten ist die ungefähre Lage meiner Wohnung zu erkennen und wie lange ich von dort aus mit dem Fahrrad (das ich mir noch kaufen muss) zu meiner Arbeitsstelle brauchen werde.


Die zweite Wohnung beziehe ich dann Anfang Mai. Meine Freundin Sophie wohnt da bereits und wenn eines der drei Zimmer Ende April also frei wird, kann ich rein. Darüber bin ich sehr happy. Die Wohnung ist wirklich ausgesprochen gemütlich, die Zimmer sind groß und hell und so eine richtige Freundinnen-WG wird bestimmt lustig. Die Wohnung befindet sich im Herzen von Poble Sec direkt am Ende einer der besten Kneipenstraßen Barcelonas. Bis zum Meer sinds ungefähr fünf Minuten. Könnte also schlimmer sein. Das ganze Prozedere um dieses Zimmer war echt unkompliziert. Zur Abwechslung auch mal nett. 

Behördengänge in Spanien laufen im Grunde genauso ab wie in Deutschland auch und sind deswegen auch genauso verhasst. Man zieht eine Nummer, führt einen sehr unverständlichen Bogen mit seinen Personalien aus, den es natürlich nur in Behördenspanisch gibt und der einem 200 verschiedene Angaben über das bisherige und zukünftige Leben abverlangt. Spaßige Angelegenheit. Die Wartezeiten variieren dabei von zwei Minuten über zwei Stunden bishin zu "och, blöd, jetzt warten Sie hier schon so lange, dabei hab ich doch gleich Mittagspause. Kommen Sie doch morgen einfach nochmal wieder?". Insgesamt waren sämtliche Beamte meistens allerdings echt hilfsbereit und beinahe sogar zuvorkommend. Da war ich echt beeindruckt. Zwar immer noch spanisch-temperamentvoll, aber überraschend freundlich. Vier Anläufe und etliche Irrungen hat es mich also gekostet, ehe ich spanischen Personal- und Sozialversicherungsnummern zusammenhatte. Aber immerhin. 

Und das mit den Konten.. Ja, das ist ein bisschen ungünstig. "Kann passieren" wollte ich eigentlich schreiben, aber ganz so leicht passiert sowas halt eigentlich nicht. Ups. 

Die nächsten Tage werden vom Packen, Aufräumen, Putzen, Bücher wegbringen, Umziehen, Fahrrad kaufen, Auspacken, Einrichten und Ankommen geprägt sein. 
Merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass in drei Tagen schon wieder alles ganz anders sein wird. 
Ein bisschen Angst ist auf jeden Fall dabei und auch ein Funken Unmut darüber, schon wieder aus meiner Comfort-Zone ausbrechen zu müssen. Aber wenn man mich morgen früh nochmal fragen würde, würde ich sagen, dass ich sowas von bereit bin für neue erste Male in einer neuen Umgebung mit neuen Herausforderungen und ganz viel Neuem zu entdecken. 




Montag, 13. März 2017

Von (mehr oder weniger) großen Erkenntnissen

Heute bin ich sehr selbstzufrieden. Und  das obwohl ich eine fast eine ganze Tafel Schokolade gegessen habe und das mit den Erdbeeren und dem Nutella heute Morgen auch nicht so verlief wie geplant.
Und trotzdem ganz und gar mit mir selbst im Reinen. Oft kommt das nicht vor, aber aus irgendeinem Grund kam mir heute Mittag eine Erkenntnis. Und ja, Erkenntnis darf das in diesem Fall genannt werden.
Ich stand in der Küche und habe die Gläser, die wir beim Mittagessen benutzt haben, gespült. Der Rest des Geschirrs rumorte schon in der Geschirrspülmaschine. Gläser waschen wir aber immer mit der Hand ab. "Das macht sie sauberer", sagt meine Gastmutter. Möglich. Vielleicht wenn sie's macht, aber nicht, wenn ich das übernehme. Jedenfalls stand ich mit Akut und Schwamm bewaffnet am Spülbecken und summte vor mich hin. Gute Laune hatte ich den ganzen Tag schon, aber richtig aufwärts ging es eigentlich erst, als ich beim Spazierengehen heute Morgen einen Podcast hörte.
Beim "Einfach machen"-Podcast gehts um Marcel, der mit seinen 26 Jahren schon vieles ausprobiert hat. Vom dualen Studium, einer angefangenen und geschmissenen Doktorarbeit, einem zweiten Studium an einer alternativen Business School in Holland, wo's eher um Selbstfindung und Jonglieren ging, über Start up-Gründung bis hin zum spontanen "Ich geh dann mal nach LA und mach, worauf ich richtig Bock hab". Und da wird Marcel dann Schauspieler - oder probiert es zumindest. Er erlebt hohe Höhen und tiefe Tiefen, hat (mir) sau viele Denkanstöße gegeben (so eine alternative Business School für 650 Euro im Monat inklusive Jonglieren und Selbstfindung wär ja schon nicht verkehrt..@Mama/Papa) und mir aber insbesondere vor Augen geführt, dass alleine in der Ferne sein nicht durchgehend großartig sein muss.
Mit Marcel konnte ich mich ganz gut identifizieren. Nicht etwa, weil ich mit 20 schon ein duales Studium gepackt hätte, Start ups gegründet und Jonglieren gelernt hab, sondern weil Marcel schlechte Laune bekommt, wenn er nichts zu tun hat. Und mann, das Gefühl kenn ich. In meiner Bewerbung als au pair schrieb ich "Rather busy than bored" und das war die Wahrheit.
Konnte ja keiner ahnen, dass das au pair-Dasein in Vacarisses alles andere als spannend ist. Dass ich oft nörgele und mich beschwere, dass das hier nicht das Richtige für mich ist, ist auf eine seltsame Weise okay. Zumindest für mich. Auf andere mag das undankbar wirken, aber nur weil ich nicht zu Hause bin und dementsprechend "dankbar" dafür sein sollte, "was zu erleben", bedeutet das nicht, dass mit "was erleben" das große Glück vorprogrammiert ist. Nicht durchgehend jedenfalls, schließlich lebt man hier ja genauso wie irgendwo anders auf der Welt auch und wenn man lebt, dann gehören Emotionen eben zum Gesamtpaket dazu. Ganz simple Kiste.
Und so hab ich meine lichten Momente, meine Laune springt auf und ab und ich mach mich dafür fertig, dass ich mir so viel schlechte Laune erlaube, wo ich doch gerade im Ausland sitze und ich vor Glücklichkeit bald platzen sollte.
Heute Mittag hab ich das System allerdings mal hinterfragt - Marcel sei Dank -, mich vor den Spiegel gestellt, ein bisschen rumüberlegt und mich selbst dabei beobachtet, wie es in meinem Oberstübchen praktisch ratterte, bis ich irgendwann dahinterkam, dass mein 12-jähriges Ich mich bestimmt ziemlich cool fände, wie ich hier in Barcelona hocke (oder auch nicht) und irgendwie mein Ding durchziehe.
Und das ist sie, die große Erkenntnis des heutigen Tages: Dass ich stolz bin, da zu sein, wo ich bin. Nicht räumlich, sondern insgesamt. Denn zwischen viel Jammerei bin ich eigentlich sehr glücklich.
Wenn ich in den letzten 20 Jahren eines gelernt haben sollte, dann dass auf irgendeine Weise alles möglich ist. Ist das überoptimistisch? Wahrscheinlich. Aber vielleicht ist das auch einfach nur das Gefühl, das man in seinen Zwanzigern haben sollte. 😼

Mittwoch, 15. Februar 2017

Von großen Vorsätzen

Ein herzliches Willkommen auf meinem neuen Blog. Meinem fünften.
Ja, fünf.
Bevor wir hier richtig loslegen, möchte ich euch eine Einführung in meine Blogger-Historie geben.
Meinen ersten Blog schrieb ich für meine damalige beste Freundin, als ich noch 13 oder 14 war. Sie war anderthalb Wochen auf einer Kreuzfahrt und ich hielt es für sehr angebracht, sie darüber, was es Spannendes aus der Heimat - und über unsere Mitmenschen - zu berichten gab, auf dem Laufenden zu halten. Meine heilige Pflicht war das. An der Tatsache, dass es nur einen einzigen Post auf diesem Blog gab, merkt man, dass mein Leben und meine Umwelt zu dem Zeitpunkt wohl nicht sonderlich brisant waren. Aber was sein muss, muss sein. Und so blieb sie topinformiert darüber, wer welches neue Profilbild hochgeladen hat und gerüchteweise mit wem aus dem Jahrgang und den beiden über uns anbändelt. Mein 13/14-jähriges Ich war simpel, verzeiht ihm.
Mein zweiter Blog kam etwas erfolgreicher daher, war er immerhin ein halbes Jahr lang aktiv und wurde eine Weile zumindest ganz gut gehegt, gepflegt und instand gehalten. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt in Amerika, hatte einen riesengroßen religionsbedingten Kulturschock, den ich als solchen so aber gar nicht empfand und rückblickend erst wahrnahm, und habe ziemlich regelmäßig über mein Leben geschrieben, bis ich Anfang Januar Freunde fand - der Prozess hatte zum Glück ja nur gute fünf Monate gebraucht! - ..und auf dem Blog herrschte Totentanz.
Dann kam der Käferblock. Der war eigentlich nur ein Ableger vom Amerika-Blog und sollte sich auf humorvolle Art und Weise den Kakerlaken in meinem Zimmer und den Riesenheuschrecken in unserer Garagenauffahrt widmen. (Kein Witz!) Dieser Blog kam nie zustande, was definitiv nicht an einem Mangel an Content lag, sondern schlichtweg an dem unterbewussten Drang, nicht mehr Zeit als nötig damit zu verbringen, sich irgendwelchen viel zu groß geratenen Insekten zu nähern und damit ja quasi ein Anspringen/Ankrabbeln/Anfliegen zu provozieren.
Mein Bloggen kam zum Erliegen, mein Leben allerdings ging weiter. Ich hatte die Schule gewechselt, mich lange nicht wohlgefühlt und wollte eigentlich nur raus. Raus aus meinem Umfeld, meiner Schule, meinem Körper und allem, woraus man sonst noch hätte entfliehen können. Ich wanderte den Jakobsweg und dachte nicht mal daran, aus irgendwelchen Herbergsbetten heraus,  todesfertig nach den täglich zurückgelegten 30 Kilometern, noch irgendwen über mein Leben zu updaten. Und schon mal gar nicht in grammatikalisch angebrachter Satzstruktur.
Als Anfang 2016 dann das Abitur ins Haus stand, gingen meine Fantasien wieder mit mir durch. "Bloß weg!", echote es in meinem Kopf und Google wurde geflutet mit meinen Suchanfragen nach exotischen, möglichst weit entfernten Reisezielen. Der vierte Anlauf in Sachen Blogs wurde gestartet. Die Motivation ergoss sich in 12 Zeilen Blog-Material und endete als nie veröffentlichter Entwurf. Sollte wohl so sein. "Leaving Safe Haven" war ohnehin kein Name, unter dem ich lange hätte schreiben wollen.
Und trotzdem finde ich mich gut ein Jahr später wieder hier. Wobei sich "hier" auf keinen genauen Ort bezieht, obwohl das eigene Bett schon ganz nett wäre. "Zuhause" ist gerade Spanien, genauer Vacarisses nahe Barcelona. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Berge. Es regnet und sieht gerade nicht nach Spanien aus. Mein Gastvater würde mich jetzt verbessern und sagen "No no no, not Spain. Catalunya!"
 Schon etwas eigen hier, aber sehr charmant.